Interview mit Herrn Kettermann Günter Kettermann ist Bereichsleiter Systembetrieb

und mein Abteilungsleiter

Günter Kettermann ist Bereichsleiter Systembetrieb des Daten- und Informationszentrums (DIZ) Rheinland Pfalz in Mainz, eine Anstalt des öffentlichen Rechts. Es gibt zwei Großrechner, einen in Mainz, den anderen in Koblenz. Sie sind mit 27.000 Bildschirmen, sprich Kunden, verbunden. Das DIZ steht der Beschäftigung von Schwerbehinderten grundsätzlich positiv gegenüber: Zur Zeit arbeiten dort 17 Schwerbehinderte. Das sind gut sieben Prozent der Gesamtbelegschaft von 230 Beschäftigten. Damit ist die gesetzliche Quote erfüllt. In der Vergangenheit bestanden Kontakte zum Berufsförderungswerk Heidelberg, um Abgänger der Ausbildungskurse zum EDV-Kaufmann zu werben. Bisher wurden zwei Datenverarbeitungs-Kaufleute eingestellt.


Die Berufstätigkeit aus der Sicht des Arbeitgebers:

Ausschlaggebend ist die berufliche Qualifikation

Welche Erfahrungen machen Arbeitgeber mit Dialysepatienten? Behandlungsbedingt ist deren Leistungsfähigkeit bisweilen Schwankungen unterworfen, und außerdem genießen sie als zu einhundert Prozent Schwerbehinderte besonderen Kündigungsschutz. Schreckt das vor Einstellungen ab? Die „KfH-Aspekte“ sprachen mit Günter Kettermann, leitender Mitarbeiter eines Unternehmens, der in seinem Bereich ein halbes Dutzend Schwerbehinderte beschäftigt, darunter den Dialysepatienten Thomas Lehn (44) aus Ingelheim, der seit über 31 Jahren fast 31 Jahren mit der künstlichen Niere lebt.

KfH-Aspekte: Allein in Ihrer Abteilung arbeiten sechs Schwerbehinderte. Spielt bei Ihnen die soziale Komponente eine besondere Rolle?

Günter Kettermann: Wir werben nicht gezielt um schwerbehinderte Arbeitnehmer, und wir schielen auch nicht auf die Quotenerfüllung. Wir orientieren uns an der beruflichen Qualifikation und stellen fähige Fachleute ein.

KfH-Aspekte: Heißt das, auch Mitarbeiter mit Behinderungen sind in der Lage, sich im Umkreis von gesundheitlich unbelasteten Kollegen zu behaupten?

Günter Kettermann: Das kann ich zumindest für unseren Bereich uneingeschränkt bestätigen. In der EDV-Branche herrscht enormer Fachkräftemangel, der sich weiter verstärken wird. Bei Einstellungen achten wir ausschließlich auf das Wissen und Können und nicht auf etwaige körperliche Behinderungen, die bei der Arbeit am Bildschirm sowieso kaum relevant werden.

KfH-Aspekte: Nun müssen die Handicaps ja nicht unbedingt physischer Natur sein. Gerade Dialysepatienten stehen per se unter permanentem psychischen Druck, der sich durch die hohe Arbeitsbelastung vielleicht noch potenziert.

Günter Kettermann: Wenn beispielsweise ein Dialysepatient mit sich, seiner Familie, seinem sozialen Umfeld und seinem Beruf zufrieden ist, dann handelt er unter psychischer Belastung meiner Erfahrung nach sogar ruhiger und besonnener als mancher Kollege. Das hängt mit seiner besonderen Lebenserfahrung zusammen, die ihn die Dinge mit mehr Gelassenheit und Augenmaß betrachten lässt.

KfH-Aspekte: Zum Beispiel?

Günter Kettermann: Bleiben wir gleich bei Herrn Lehn: Als Systemprogrammierer betreut er ein komplexes Betriebssystem, in dem 40.000 Mann-Jahre Entwicklungsarbeit stecken. Sie wissen: Ein fehlender Punkt, ein falsches Komma, und nichts geht mehr. Seine Arbeit deckt er so gut ab, dass ich erst nach einem Jahr und in anderem Zusammenhang – Herr Lehn war schon vor mir in dieser Abteilung – erfahren habe, dass er Dialysepatient ist. Ähnlich erging es mir übrigens auch mit unseren anderen Schwerbehinderten.

KfH-Aspekte: Von Sonderbehandlungen aus Mitleid heraus kann also keine Rede sein?

Günter Kettermann: Da sprechen Sie einen wichtigen Punkt an: Wir behandeln unsere Schwerbehinderten nicht als kranke Menschen. Jeder ist für mich und meine Kollegen ein hundertprozentiger Mitarbeiter. Das ist auch unheimlich wichtig für die Betroffenen, dass sie nicht in die Ecke gestellt werden.

KfH-Aspekte: Es kommt also auch im Team nicht zu Spannungen?

Günter Kettermann: Bei uns jedenfalls nicht. Dazu mag neben der beruflichen Kompetenz auch beitragen, dass wir flexible Arbeitszeiten haben, so dass sich jeder die Arbeit in gewissem Rahmen individuell einteilen kann. Ich habe selbst schon gehört, wie Kollegen zu Herrn Lehn sagten: „Wenn was ist nach der Dialyse, dann kannste ruhig daheim bleiben.“

KfH-Aspekte: Manche Arbeitgeber schrecken wegen des besonderen Kündigungsschutzes für Schwerbehinderte davor zurück, sie überhaupt erst einzustellen. Wie sehen Sie das?

Günter Kettermann: Wir stellen jeden ein, der vernünftige Arbeit leisten kann. Wir sind keine Behörde und keine Sozialstation, sondern eine öffentlich-rechtliche Anstalt, deren Effizienz jedes Jahr von Wirtschaftsprüfern untersucht wird. Eine Behinderung oder nicht ist für die Bewertung der Arbeitsleistung kein betriebswirtschaftlicher Parameter. Der beste Schutz vor Entlassung ist eine gute berufliche Qualifikation, nicht die Einstufung als Schwerbehinderter.

KfH Aspekte 3/2001 - Das Interview führte Herr Dörholt, Redakteur

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