DIALYSE und BERUF

von Thomas Lehn

Manchmal werde ich von anderen Mitpatienten gefragt, wieso ich eigentlich noch arbeiten gehe, wo ich doch ganz einfach und schnell berentet werden könnte. 
Ich sehe das nicht so, ich möchte, solange wie es meine Gesundheit zuläßt, arbeiten gehen.  Ich betone Gesundheit, weil ich meine Heimdialysebehandlung nicht als Krankheit sondern als Handicap ansehe. Ich bin krank, wenn ich mal über die Strenge gehauen habe und meine Maschine  4 Liter aus meinem Organismus ziehen muß und  nach der Dialyse mein Blutdruck so tief im Keller ist, daß ich kaum am anderen Morgen in die Gänge komme.  Ich fühle mich aber auch schlecht, wenn ich andere Patienten treffe, die mich mit ihrer negativen Einstellung krank machen, die ihre Dialysebehandlung als unabdingbares Schicksal hinnehmen und sich dadurch ihre Persönlichkeit so verändert, daß sie die Umwelt nicht mehr wahrnehmen wollen, sich in die Einsamkeit zurückziehen und ihren Lebenswillen auf ein Minimum reduzieren.

Also Arbeiten oder einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen, heißt für mich, auch mehr Freiheit, Gleichberechtigung und Lebensgefühl. Ich weiß von was ich rede. Das war nicht immer so.

Schulausbildung

Bevor ich im August 1970 erstmals an die Dialyse mußte, war ich Schüler in der 3. Klasse des Binger Gymnasium. Wegen des langen Krankenhausaufenthaltes und der fast täglichen Dialyse in Heidelberg konnte ich die das Gymnasium aus zeit- und gesundheitlichen Gründen nicht mehr besuchen. Trotz meiner damaligen statistischen Lebenserwartung von 2-3 Jahren erreichten meine Eltern und Dr. Schüler, (Dr. Schüler in Heidelberg, dialysierte erstmals 1967 in Deutschland Kinder) durch langwierige Verhandlungen, daß das Kultusministerium Rheinland-Pfalz mir Hauslehrer, die in meiner dialysenfreien Zeit Unterricht erteilten, genehmigte und bezahlte.
Ich absolvierte somit die 8. Und 9. Klasse der Hauptschule und während der Dialyse hatte ich ebenfalls Unterricht. Die Mittlere Reife und das Abitur konnte ich als Gastschüler des Ingelheimer Gymnasium, mit Hilfe der Hauslehrer und Fernunterricht erreichen.

Berufswunsch

Eigentlich wollte ich schon immer Arzt werden. Probleme mit den Nieren hatte ich als kleines Kind (meine rechte Niere wurde mir entfernt als ich 5 Jahre alt war) und mußte regelmäßig zum Kinderarzt. Wenn man mich fragte, was ich einmal werden wolle, sagte ich Doktor wie mein Kinderarzt Dr. Wollinger. Den Berufswunsch hatte ich auch als ich 1978 vor der Wahl stand: Studieren oder Arbeiten.

Berufsfindung

Das Arbeitsamt schlug mir eine Berufsfindung vor. In HD-Wieblingen gab es die Gelegenheit diese Berufsfindung durchzuführen. Eine ganze Woche wurde ich getestet, Fragen gestellt und diese analysiert und schließlich stand für die Psychologin fest, ich wäre nur für einen Schreibtischjob zu gebrauchen. Was ich ihr sehr übel nahm. (mir war vorher schon zu Ohren gekommen, daß alle Dialysepatienten, die eine Berufsfindung durchmacht haben, nur für eine kaufmännische Ausbildung geeignet sind). Die Ausbildung wird vom Arbeitsamt ( war bei mir der Kostenträger) gesponsort. Ich solle einen Beruf lernen, den ich neben der Dialyse ausüben könne, der mich nicht psychisch belastet. Dies wären entweder Büro,- Bank,- EDV- oder Industriekaufmann. Im Rehabilitationszentrum HD-Wieblingen kann man diese Berufssparte und viele andere Berufe erlernen. Ich entschloß mich für die Ausbildung zum EDV-Kaufmann mit der Prüfung vor der IHK nach 18 Monaten. (Ich entschied mich für die Ausbildung als EDV- Kaufmann, weil ich dachte, mit dem Beruf kann man Geld verdienen, nicht so lange arbeitslos zu sein, und außerdem einen zukunftsorientierten Job zu haben.) Heute muß ich sagen, bin ich froh, daß ich auch diesen Job erlernt habe.

Berufsausbildung

Neben der Ausbildung, gab es auch die Möglichkeit im Rehabilitationszentrum zu wohnen und am Abend zu dialysieren, so daß ich keine Ausfälle in der Berufsausbildung hatte.
Im Rehabilitationszentrum HD-Wieblingen werden ausschließlich Umschüler, das sind Leute, die ihren Beruf aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben können, in einen anderen Beruf umgeschult. Das Arbeitsamt,BFA oder LVA sind der Kostenträger einer beruflichen Rehabilitation. Eine kaufmännische Ausbildung dauert 18 Monaten und endet mit einer Prüfung vor der Industrie- und Handelskammer. Jeder Schüler hat begleitend mit der Ausbildung einen Ansprechpartner, der auch nach der Berufsausbildung dafür sorgt, eine geeignete Stelle zu finden.

Beruf

1980 hatte ich die Ausbildung beendet und nach dreimonatiger Arbeitssuche fand ich eine Stelle beim Landesrechenzentrum Rheinland-Pfalz in Mainz. Ich wurde als Organisationsprogrammierer eingestellt. Nach einem Jahr wurde ich in die Abteilung Systemprogrammierung versetzt. Jetzt, nach 21 Jahren arbeite ich immer noch in dieser Abteilung – jedoch hat sich der Namen der Firma geändert. (Daten- und Informationszentrum Rheinland-Pfalz). Meine Tätigkeit umfaßt die Installation und Betreuung der Systemkomponenten auf dem Großrechner. In die Rufbereitschaft rund um die Uhr bin ich mit eingebunden. Über 10 Jahre war ich außerdem als Schwerbehindertenvertrauensmann im Unternehmen tätig.
Eine abgeschlossene Berufsausbildung zu haben und berufstätig zu sein, war und ist für mich eine Art Unabhängigkeit, die ich nicht missen möchte. Niemanden auf der Tasche zu liegen oder von der Sozialhilfe zu leben, stärkt das Selbstwertgefühl. Geld zu verdienen, sich Wünsche erfüllen zu können und um seine gesteckten Ziele zu erreichen, muß das finanzielle Einkommen stimmen.

Eigene Erfahrung

Meine Erfahrungen als Behinderter im Berufsleben sind recht positiv. Als Dialysepatient hat man eine GdB von 100%, und ich habe außerdem das Merkzeichen G im Schwerbehindertenausweis eingetragen.
Da ich auch Erfahrung als Vertreter der Schwerbehinderten habe und bei Personalentscheidungen, die einen schwerbehinderten Kollegen/in betreffen, ein Mitspracherecht hatte, sind mir die Probleme der schwerbehinderten Mitkollegen nicht fremd. Mein Arbeitgeber, das Daten-und Informationszentrum Rheinland-Pfalz (öffentliche-rechtliche Anstalt) steht mit der Beschäftigung von Schwerbehinderten positiv gegenüber. Zur Zeit arbeiten im DIZ 17 Schwerbehinderte und Gleichgestellte.
Das sind über 7% Schwerbehinderte; somit ist die gesetzliche Quote erfüllt. Unser Haus ist gegenüber anderen staatlichen Einrichtungen mit der Beschäftigung Behinderter überdurchschnittlich und dies liegt nicht im Trend. In der Vergangenheit bestanden Kontakte zum Berufsförderungswerk Heidelberg, um Abgänger der Ausbildungskurse zum EDV-Kaufmann zu werben.
Es wurden bisher zwei DV-Kaufleute eingestellt und beschäftigt. Die praxisnahe Ausbildung direkt am Rechner und der Integrationsprozeß in das Arbeitsleben überzeugten meinem Arbeitgeber.

Nach meiner Meinung ist es möglich, die Dialyse und Arbeit unter einen Hut zu bringen. Bei mir sind viele Voraussetzungen gegeben:

- ich dialysiere zu Hause (Heim-Hämodialyse) und kann dadurch die Dialyse zeitlich variabel gestalten, so daß ich wenig Fehlzeiten im Job habe

- meine Arbeitszeit ist flexibel

- mein Arbeitgeber hat Verständnis, wenn ich mal krankheitsbedingt ausfalle

- mein Job am PC strapaziert meine Nerven aber ist körperlich nicht anstrengend, daher ist meine Leistungsfähigkeit aufgrund der Dialysebehandlung kaum gemindert.

- Team, Chef und soziales Umfeld akzeptieren mich als gesunden und vollbelastbaren Mitarbeiter, so dass ich auch in der Rufbereitschaft integriert bin.

- und mein Job macht mir Freude.

Diese Voraussetzungen tragen dazu bei, dass ich – trotz meiner Dialysebehinderung – in das Arbeitsleben fest eingebunden bin. Ich hoffe, dass meine Gesundheit noch lange zuläßt, meinen Beruf auszuüben. Die Psychologin von der Berufsfindung hatte wohl recht gehabt, ein Schreibtischjob wäre das Beste für mich.

KfH Aspekte 3/2001 Author: Thomas Lehn

zurück zur vorherigen Seite